Wenn die Worte fehlen

Der Tod gehört zum Leben. Das weiss im Grunde jede(r). Aber wenn im beruflichen Umfeld jemand trauert oder ein Kollege stirbt, wissen viele oftmals nicht, wie sie damit umgehen sollen. Dabei braucht es nicht viel.

Nicht direkt zur Tagesordnung

Trauer braucht Raum und Zeit. Im Arbeitsleben ist beides Mangelware. Eine Pause ist nicht vorgesehen. Für Menschen, die um einen Kollegen, die Mutter oder den Lebenspartner trauern, bleibt die innere Welt stehen, während die äußere sich im gewohnten Tempo weiterdreht. Mails wollen beantwortet, Sitzungen geleitet, Kunden zurückgerufen und Entscheidungen getroffen werden. Schwere Erkrankungen und Todesfälle führen Arbeitgeber und Arbeitnehmende in neue Situationen, auf die die wenigsten vorbereitet sind. „Wenn ein Unternehmen den Mitarbeitenden ausreichend Möglichkeit gibt, sich auszutauschen, wird das positiv aufgenommen“, sagt Annika Schlichting von der Hamburger Beratungsstelle Charon. Wichtig sei, dass Führungskräfte nicht gleich wieder zur Tagesordnung übergehen, sondern dem Team signalisieren: „Wir haben euch im Blick. Wir interessieren uns dafür, was ihr jetzt braucht und was euch in der kommenden Zeit hilft.“ Stirbt ein Kollege, ist das Team unmittelbar betroffen. Verliert eine Mitarbeiterin in der Schwangerschaft ihr Baby, sind die Kollegen verunsichert. Die Fehlgeburt ansprechen oder lieber schweigen? Gehört dieses Thema überhaupt an den Arbeitsplatz oder ist es Privatsache? Soll man den Geschäftsführer, der um seine Ehefrau trauert, ansprechen? Ihm kondolieren? Ein Patentrezept gibt es leider nicht, denn Menschen trauern ganz unterschiedlich. Viele berichten von einer Achterbahnfahrt der Gefühle: Trauer, Wut, Scham, Angst, Ohnmacht, Erleichterung, Schuldgefühle. Von einer Sekunde auf die andere kann sich die Stimmung verändern. „Trauer hat zahlreiche Facetten und drückt sich nicht nur in Tränen aus. Viele erkennen sich selbst nicht wieder“ sagt Annika Schlichting.

Wahrgenommen werden

Trauernde, wollen in ihrem Schmerz wahrgenommen werden. Schlimm sei es für sie, wenn Kollegen aus lauter Verunsicherung überhaupt nichts sagen oder gar die Flurseite wechseln. Und was, wenn man nicht weiß, wie man die Kollegin, die um ihr Baby trauert, ansprechen soll? „Auch Sprachlosigkeit lässt sich ausdrücken. Man kann sagen: ‚Mir fehlen die Worte. Mir geht so viel durch den Kopf, aber ich habe Angst, etwas Falsches zu sagen.‘“ Auch jenseits von Worten gibt es viele Möglichkeiten, Anteilnahme zu zeigen. Eine Blume auf den Schreibtisch stellen mit einem Zettel: „Schön, dass du wieder da bist“, eine Karte, ein Post-it. Eine Einladung, zum Mittagessen mitzukommen. Den Mitarbeitenden ein Kondolenzbuch bereitlegen, um ein paar Zeilen an die Angehörigen eines verstorbenen Kollegen richten zu können. Petra Sutor ist Marketingmanagerin in einem großen internationalen Beratungsunternehmen und als Trauerbegleiterin in Krisen- und Trauerfällen für dessen Mitarbeiter an den deutschen Standorten ansprechbar. Sie hat beobachtet, dass es bei Trauernden zwei Fraktionen gibt: die, die lieber nicht auf ihren Verlust angesprochen werden möchten, weil der Arbeitsplatz der einzige Ort ist, an dem alles noch genauso ist wie vor dem Verlust, und die anderen, die das Bedürfnis haben, viel zu sprechen. „Eltern, die ein Kind verloren haben, reden ihr ganzes Leben über dieses Kind, sie wollen es in ihrer Erinnerung lebendig halten. Das versteht das Umfeld oft nicht.“ Sie rät deshalb, Trauernde zu fragen: „Möchtest du darüber sprechen? Oder willst du lieber nicht darauf angesprochen werden?“ Trauernde, sollten die Möglichkeit haben, die ganze Gefühlspalette zu zeigen. Ihr berufliches Umfeld tue gut daran, sich mit Wertungen zurückzuhalten. Sehr verletzend sind für Trauernde Kommentare wie: „Deine Mutter war doch schon so alt und krank. Du müsstest doch froh sein, dass sie nicht mehr leiden muss.“ „Du bist noch so jung, du kannst doch noch ein Kind bekommen.“ „Schau nach vorne. Das Leben geht weiter.“ „Du findest bestimmt wieder einen neuen Partner.“

Der Tod als Betriebsstörung

Jedes Unternehmen hat auch eine Fürsorgepflicht. „Als Arbeitgeber muss ich Sorge dafür tragen, dass ein trauernder Arbeitnehmender gut arbeiten kann. Mitarbeitende, die sich gesehen und verstanden fühlen, seien wesentlich schneller wieder arbeitsfähig als Mitarbeitende, die unter Druck gesetzt werden und das Gefühl haben, ihre Trauer möglichst schnell abschütteln oder verstecken zu müssen. „Bei Trauernden, die sich zusammenreißen, findet die Trauer andere Wege, sich Raum zu schaffen. Sie werden vielleicht häufiger krank oder landen in einem Burnout oder einer Depression.“ Deshalb sei es auch aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen wichtig, mit Mitarbeitenden gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Der Umgang mit Trauer am Arbeitsplatz ist ein Balanceakt. In der Logik eines Unternehmens, das auf reibungslose Abläufe und Profit ausgerichtet ist, ist ein Todesfall eine Art Betriebsstörung. Das System will möglichst schnell wieder auf den Normalbetrieb umschalten. Im Arbeitsalltag geht es um Effizienz und Planung, doch Abschiede folgen ihren eigenen Gesetzen und lassen sich nicht in eine Exceltabelle pressen. Menschen reagieren unterschiedlich. Nicht allen tut es gut, wenn der Vorgesetzte sagt: „Bleiben Sie zu Hause, melden Sie sich krank und kommen Sie erst wieder, wenn es Ihnen besser geht.“ Denn Arbeit kann in der Trauer auch viel Stabilität bieten. Ein fester Tagesablauf gibt uns Sicherheit. Für manche Trauernde ist es gut, trotzdem weiterzuarbeiten. Für andere wiederum, die einen Haushalt auflösen, eine Wohnung verkaufen und sehr viel regeln müssen, sei es hilfreich, wenn sie länger freinehmen können.

Flexibel und kreativ planen

In Wahrheit, so zeigt die Forschung, wünschen sich Beschenkte oft ganz andere Dinge als die, die sie von den Schenkern bekommen. Führungskräfte sollten flexibel sein, mit trauernden Mitarbeitenden im Gespräch bleiben und alle Möglichkeiten, die sich anbieten, ausschöpfen: einen Wiedereinstieg in Teilzeit oder Homeoffice-Tage, von aufwendigen Projekten entlasten, die Aufgaben im Team vorübergehend neu verteilen, Gespräche mit einem externen Trauerbegleiter anbieten, Sicherheit vermitteln. Eine gute Rückkehr ins Arbeitsleben ermöglichen, ohne zu viel Druck zu machen. Entscheidend ist, dass Trauernde sich als Mensch wahrgenommen fühlen und nicht nur als Rädchen im Getriebe, das reibungslos funktionieren soll. „Ein Mitarbeiter, der erlebt, dass ihn seine Firma auch in der größten Krise nicht im Stich lässt, bleibt auch bei der Stange, wenn die Firma in eine Krise gerät“, sagt Petra Sutor. Trauer am Arbeitsplatz ist vielschichtig. Dabei geht es nicht nur darum, Abschied zu nehmen. Auch praktische Fragen wollen schnell geklärt werden, wenn ein Kollege stirbt. Wer erledigt die Arbeit des Verstorbenen? Was passiert mit dem Büro? Wer erklärt Kunden und den externen An­sprechpartnern, was passiert ist? Wer übernimmt das Projekt, wenn eine Kollegin wegen eines Trauerfalls länger ausfällt? Oft führen Todesfälle auch zu finanziellen Nöten. Drei Viertel der Mitarbeitenden, die sich an Petra Sutor wenden, sind Frauen, deren Männer mit Mitte vierzig verstarben und die jetzt mit zwei oder drei Kindern allein dastehen. Sie haben keine Zeit zu trauern, weil sie plötzlich alleinerziehend und Alleinverdienerin sind, aber nur einen Teilzeitjob haben und sich völlig neu organisieren müssen. In solchen Fällen reiche Anteilnahme nicht aus. Es brauche Vorgesetzte, die die Stundenzahl aufstocken oder ermöglichen, wieder Vollzeit zu arbeiten. Auch ein Netzwerk, das wichtige Ansprechpartner wie Beratungsstellen, Betriebsärzte, Psychotherapeuten, Selbsthilfegruppen auflistet, Kondolenzkarten entwirft, einen Kommunikationsplan auf­stellt, ist hilfreich.

Trauerfälle verändern

Am ehesten bekommt Petra Sutor Anrufe drei bis vier Monate nach einem Trauerfall. Die Mitarbeitenden klagen: „Jetzt ist es schon ein Vierteljahr her, dass mein Mann gestorben ist, und mir geht es schlechter als wenige Wochen danach.“ Die Trauerbegleiterin wundert das nicht. In den ersten Wochen ist viel zu regeln, es trudeln verspätete Kondolenzkarten ein, Freunde fragen nach, wie es einem geht, oder stellen einen Topf Suppe vor die Tür. Irgendwann hört das auf. Nach spätestens drei Monaten erwartet das Umfeld, dass man wieder zur Tagesordnung übergeht. Doch für viele beginnt dann erst der eigentliche Trauerprozess. Wenn beispielsweise die Eltern sterben, gilt es nicht nur, den Verlust zu verkraften, sondern auch, eine neue Identität zu finden. Man ist plötzlich nicht mehr Kind und rutscht in eine ganz neue, ungewohnte Rolle. Der Horizont erweitert sich durch einen Trauerfall, existenzielle Fragen nach dem Sinn stellen sich. Viele ändern danach ihr Leben. Bei manchen Trauernden lässt die Konzentrationsfähigkeit nach, sie entwickeln Schlafstörungen und bauen in ihrer Leistungsfähigkeit ab. Eine Mitarbeiterin, die bisher eher ruhig und zurückhaltend war, wirkt auf einmal dünnhäutig. Ein Teamleiter, der stets tough war, bricht mitten im Meeting in Tränen aus. Auch das gehört zur Trauer und ist normal. Für Unternehmen sei es wichtig, zu wissen, dass Menschen sich durch einen Trauerfall verändern. Egal wie nah oder fern uns der Kollege ist, der gerade trauert, wir werden mit eigenen Verlusterfahrungen und unserer Endlichkeit konfrontiert.
Doch gerade darin liegt auch eine Chance. Wenn wir uns berühren lassen und nicht sofort zur Tagesordnung übergehen, kann ein Trauerfall ein Wachmacher sein und uns zu Fragen anregen, die das Leben bereichern.

Was kann ich konkret tun?

  • Geben Sie Raum, Zeit und Gelegenheit zum Trauern, aber drängen Sie niemanden zum Gespräch.
  • Nennen Sie den Tod beim Namen. Damit signalisieren Sie Ihrem Gesprächspartner/ihrer Gesprächspartnerin, dass Sie nicht ausweichen und bereit sind, mit ihm/ihr über Tod und Trauer zu sprechen.
  • Beschwichtigen Sie die Gefühle von Trauernden nicht mit Floskeln wie „Das geht vorbei. Die Zeit heilt alle Wunden“, weil Sie trösten möchten. Würdigen Sie den Verlust, statt ihn zu verharmlosen.
  • Äußern Sie Mitgefühl, drücken Sie Ihre Gefühle aus, aber verzichten Sie auf Sätze wie: „Ich weiß genau, wie du dich fühlst“.
  • Erwarten Sie nicht, dass jemand so reagiert, wie Sie selbst auf einen Todesfall reagieren würden. Fragen Sie lieber nach, was die betroffene Person umtreibt, wie es ihr geht, was sie tun möchte. Jeder trauert anders.
  • Trauernde ziehen sich oft zurück. Warten Sie nicht darauf, dass sie sich melden. Rufen Sie selbst an oder gehen Sie hin. Lassen Sie sich nicht bitten.
  • Wenn Sie helfen oder für den Trauernden da sein wollen, dann machen Sie keine vagen Zusagen, sondern kündigen Sie an, was Sie konkret tun werden. Trauernde brauchen verlässliche Verabredungen.

     

Quellen

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