Ein Plädoyer für die Zimmerpflanze

Bereits die Ägypter der Antike zogen Pflanzen in Behältern, die Griechen und Römer kultivierten Lorbeerbäume in Gefäßen. In China wurden schon vor über 2500 Jahren Topfpflanzen bei Gartenausstellungen gezeigt. Wie weit man damals Wohnräume zierte, ist unbekannt. Im ausgehenden 17. und im 18. Jahrhundert entwickelte sich die Pflanzenzucht. Jetzt konnten Pflanzen kultiviert werden, die die Forscher und Botaniker von ihren Schiffsexpeditionen aus Südamerika, Afrika, Asien und Australien nach Europa brachten. Natur verschönerte nun Wohnräume. Ein Umdenken fand erst mit der Bauhausarchitektur statt. Große, oft raumhohe Fenster sorgten für einen nahtlosen Übergang der Innenräume in den Garten. Blumentöpfe zur Ausschmückung des Interieurs galten in Intellektuellenkreisen auch in den 1970er Jahren als überflüssiger Nippes. Heute werden Zimmerpflanzen wieder geschätzt. Sie verbessern optisch die Wohnatmosphäre und transportieren das Lifestyle-Gefühl.

Darüber hinaus ist der Mensch von heute auf über 31 000 Spezies von Pflanzen angewiesen. Die meisten von ihnen brauchen wir als Arzneimittel sowie als Bau- und Kleidungsstoffe. Dagegen gelten die Ziergewächse im Blumentopf bloß als hübsche Dekoration. Doch wie sich herausstellt, bieten Zimmerpflanzen mehr als nur einen schönen Anblick. Hier die sechs wichtigsten Gründe, warum es sich lohnt, Zimmerpflanzen auch in Büroräumen wertzuschätzen.

1. Pflanzen lindern Stress

Das zeigt unter anderem eine Studie in einem japanischen Unternehmen. Dort stellte das Forscherteam von Julia Ayuso Sánchez Töpfe mit dem gängigen wie beliebten Drachenbaum, der Aloe Vera und dem Bogenhanf in mehrere Büroräume. In dieser Umgebung gingen die Studienteilnehmer dann ihren Aufgaben nach. Um einen Vergleich zu schaffen und den Effekt der Pflanzen besser verstehen zu können, entfernten die Forscher die Topfpflanzen täglich für einige Zeit. „In der Nähe des Raumgrüns schätzten die Teilnehmer den Umfang ihrer Arbeit als weniger groß und unübersichtlich ein“, berichten Julia Ayuso Sánchez und ihre Kollegen. Das sei wahrscheinlich ein Grund, wieso die Probanden weniger Stress als sonst empfanden, sobald das Grün um sie war, meinen die Forscher. Dass der Belastungspegel tatsächlich sank, bestätigten sie auch mithilfe von Speichelproben, die sie auf Stresshormone untersuchten.
Eine besonders stresslindernde Wirkung entfalten Topfpflanzen offenbar dann, wenn wir uns aktiv mit ihnen beschäftigen. In einer taiwanesischen Untersuchung nahm eine Gruppe von Jugendlichen ein Semester lang eine Reihe von Gewächsen in ihre Obhut. Sie gossen sie, wischten den Staub von ihren Blättern und sorgten dafür, dass sie genug Sonnenlicht bekamen. Die Teilnehmer der Kontrollgruppe hatten die Pflanzen zwar um sich, mussten aber keine dieser Aufgaben erledigen. „Die Zimmerpflanzen wirkten signifikant stärker stressmindernd auf jene Teilnehmer, die sie regelmäßig versorgten“, berichtet Ke-Tsung Han.

2. Pflanzen senken den Blutdruck

Zimmerpflanzen fördern physiologische Prozesse und haben einen meditationsähnlichen Effekt auf uns – selbst wenn wir uns nur einige Minuten lang in ihrer Nähe aufhalten. Das zeigt eine Untersuchung von Jie Yin und seinen amerikanischen Kollegen. In ihrem Versuch reichten bereits fünf Minuten, um den Blutdruck der Versuchsteilnehmer stärker zu senken als nach einem fünfminütigen stillen Aufenthalt in einem pflanzenleeren Raum. Der systolische Blutdruck, also der obere Wert, nahm durchschnittlich um rund neun Einheiten (mmHG) ab, der diastolische (unterer Wert) um vier Einheiten. Dadurch wurden die Freiwilligen deutlich ruhiger. Japanische Forscher führten den Ruhezustand ihrer Probanden noch schneller herbei: Hier reichten bereits sechzig Sekunden. Die Freiwilligen betrachteten eine Minute lang eine Topfpflanze, während das wissenschaftliche Team ihre physiologischen Funktionen dokumentierte. „Die kurze Zeit war genug, um ähnliche körperliche Funktionen wie bei der Meditation hervorzurufen, nämlich eine signifikante Aktivierung des Parasympathikus“, berichtet das Team der Forscherin Chorong Song. Der Parasympathikus ist jener Teil des autonomen Nervensystems, der einen entspannten Zustand signalisiert.

3. Pflanzen halten uns wach

Auch dies zeigte die Bürostudie von Sánchez und ihren japanischen Kollegen. „Der Anteil der Teilnehmer, die sich morgens und nachmittags sehr müde und schläfrig fühlten, sank, wenn Zimmerpflanzen im Büro standen“, schreiben die Forscher. Das könnte unter anderem auf die biochemische Wirkung von Pflanzen auf unseren Wohnraum zurückzuführen sein: Pflanzen verarbeiten nicht nur einen Teil des Kohlendioxids, bereiten also die verbrauchte Atemluft auf, sondern sie haben noch andere, von uns kaum bemerkbare Eigenschaften. So beeinflussen Topfpflanzen die Raumfeuchte und entziehen der Zimmerluft Schadstoffe wie Trichlorethylen, Formaldehyd, Ammoniak und Benzol. Das zeigen zahlreiche Studien, die sich mit der Wirkung von Pflanzen auf den Schadstoffgehalt im Raum beschäftigen. Ende der 90er Jahre wies beispielsweise Bill Wolverton im Auftrag der US-Raumfahrtbehörde NASA nach, dass Zimmerpflanzen gefährliche Giftstoffe wie Formaldehyd, Benzole und Trichlorethylen abbauen, umwandeln oder einlagern können. Das erklärt nicht nur, wieso wir in grünbestückten Räumen weniger müde sind, sondern auch, warum wir uns dort besser konzentrieren können. Wissenschaftler sprechen von der attention restoration theory. „Von der positiven Wirkung der Zimmerpflanzen profitiert auch unser Gedächtnis“, berichten Jie Yin und seine Kollegen in ihrer Studie an der Harvard University. Sie ließen ihre Probanden fünf Minuten lang in einem pflanzengesäumten Raum sitzen – und fünf Minuten lang in einem Raum ohne Topfpflanzen. Die Anwesenheit der grünen Gefährten verbesserte die Gedächtnisleistungen der Teilnehmer um 14 Prozent.

4. Pflanzen therapieren Leiden

Generell scheint die Wirkung von Zimmerpflanzen denen der Natur draußen stark zu ähneln. Daher beschäftigen sich Forscher auch mit dem therapeutischen Potenzial des Binnengrüns, etwa im Rahmen der Ökotherapie. „Pflanzen bieten ökotherapeutische Ansätze, die zur Bekämpfung von Stressabbau und Stimmungsschwankungen eingesetzt werden und dadurch unter anderem zum besseren Umgang mit einer posttraumatischen Belastungsstörung beitragen können“, so die amerikanischen Wissenschaftler James Summers und Deborah Vivian in ihrer aktuellen Metastudie. Auch bei Verhaltensstörungen wie ADHS und neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz könne Zimmerbepflanzung eine positive Wirkung entfalten. Dabei haben sie sogar besondere Vorteile. „Topfpflanzen sind beispielsweise für ältere Menschen, die nicht spazieren gehen können, hilfreich“, so die amerikanischen Wissenschaftler. Auch in Metropolen, in denen Parks und Grünflächen rar gesät sind, stellen Topfpflanzen eine wertvolle therapeutische Alternative dar.

5. Pflanzen dämpfen Schall

In Büroräumen werden Zimmerpflanzen mittlerweile als Schalldämpfer eingesetzt. Je größer die Blattoberfläche, je dichter die Pflanze und je mehr Pflanzen im Raum stehen, desto mehr Schall wird gedämpft“.

6. Pflanzen fangen Staub

Weniger spektakulär, aber nicht zu vernachlässigen ist die Wirkung von Pflanzen als Staubfänger. Am Staub in der Raumluft werden gasförmige Schadstoffe und Feuchtigkeit gebunden. Überschreitet die Raumfeuchte 35 bis 40 Prozent, dann wird der Staub so schwer, dass er sinkt und unter anderem auf den Pflanzen und deren Blättern liegen bleibt. Davon kann der Staub samt der gebundenen Stoffe einfach entfernt werden.

Fazit

Auch wenn viele Erkenntnisse rund um die Zimmerpflanze gesichert sind, bleiben dennoch zahlreiche Fragen offen. Etwa wie Topfpflänzchen sich am effektivsten in eine Therapie einbeziehen lassen, ob bestimmte Arten des Grüns besser für uns sind als andere und welche Anzahl von Gewächsen die optimale Wirkung erzielt. Sicher ist, dass sich die Investitionen von Unternehmen in Büropflanzen auf vielfältige Weise positiv auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter auswirkt.

Quellen:

  • Kanchane Gunawardena, Koen Steemers: Living walls in indoor environments. Building and Environment, 148, 478–487, 2019
  • Julia Ayuso Sanchez u.a.: Quantitative improvement in workplace performance through biophilic design: A pilot experiment case study. Energy and Buildings, 177, 316–328, 2018
  • Jie Yin u.a.: Physiological and cognitive performance of exposure to biophilic indoor environment. Building and Environment, 132, 255–262, 2018
  • Ke-Tsung Han: Influence of passive versus active interaction with indoor plants on the restoration, behaviour and knowledge of students at a junior high school in Taiwan. Indoor and Built Environment, 27, 818–830, 2018
  • Chorong Song u.a.: Physiological effects of viewing bonsai in elderly patients undergoing rehabilitation. International Journal of Environmental Research and Public Health, 15, 2018. DOI:10.3390/ijerph15122635
  • James Summers, Deborah Vivian: Ecotherapy – a forgotten ecosystem service: A review. Frontiers in Psychology, 2018. DOI: 10.3389/fpsyg.2018.01389
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Zimmerpflanze

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: